Impuls (2)
„(…) Lass mich nachdenken, wie / ich mich fühle. Auf Anhieb weiß ich das nie. (…)“ -
So heißt es in dem Gedicht WINTERTELEFON von Jürgen Becker aus dem Jahr 1999. Jürgen Becker, Lyriker, Prosa- und Hörspielautor, Georg-Büchner-Preisträger (2014), wird in diesem Sommer 90 Jahre alt. Anlass genug, nicht nur seine aktuellen Veröffentlichungen zu lesen, sondern auch einen älteren Band erneut aus dem eigenen Bücherregal zu ziehen. Bei der Lektüre beispielsweise seines Gedichtbands JOURNAL DER WIEDERHOLUNGEN (1999), aus dem das genannte Gedicht stammt, stellt sich sogleich wieder jener ruhige Zauber der Weite dieser offenen Textlandschaften ein, die zugleich auch Bewusstseinslandschaften anzeichnen.
Neben vielem, das die Besonderheit des lyrischen Werkes J. Beckers ausmacht, erscheint zweierlei besonders ansprechend und zeitlos modern: Zum einen ist es die ungekünstelte, doch kunstvolle Souveränität, mit Worten divergierende Wahrnehmungen hinzutupfen und zu evozieren. Zum anderen ist es der lässig-leise Tonfall desjenigen, der hier unaufgeregt „Ich“ sagt, fernab jeglicher Selbststilisierung und Wichtigtuerei.
„(…) Was würde ich sagen …/ Andeutungen reichen doch aus. (…)“ (aus: WINTERTELEFON).
Herzliche Gratulation!
(ris)
Jürgen Becker, Wintertelefon. In: Ders., Journal der Wiederholungen. Frankfurt/M. 1999, S. 23f.
Aktuelle Veröffentlichungen:
Jürgen Becker, Die Rückkehr der Gewohnheiten. Journalgedichte. Berlin 2022.
Jürgen Becker, Gesammelte Gedichte. 1971 - 2022. Hrsg. von Marion Poschmann. Berlin 2022.
***
Impuls (1)
Schon mal mit Tipp-Ex gearbeitet bzw. Bücher geschrieben? Die amerikanische Schriftstellerin Mary Ruefle nennt diese Arbeiten „Erasure-Gedichte“. Sie entstehen dadurch, dass die Autorin einen fremden Text mit Tipp-Ex bis auf wenige Worte verschwinden lässt, die so auf besondere visuelle Weise hervortreten. Näheres nicht nur dazu in dem aktuellen „Schreibheft“.
Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Nr 97 / August 2021. Herausgegeben von Norbert Wehr.
(ris)